Das starke Löwenzahnkind Sabi


Eine starke, schöne und fröhliche Frau mit langem schwarzem Haar steht vor mir. Es ist Sabi.

Sie ist auch ein Löwenzahnkind.

Wir sehen uns heute zum ersten Mal und doch ist gleich eine Verbundenheit zu spüren, ein Gefühl als würde man sich schon seit Jahren kennen.

Gemeinsam spazieren wir in den nahegelegenen Stadtpark und suchen uns einen ruhigen, schattigen Platz. Wir setzen uns auf die grüne Wiese unter den wunderschönen alten Bäumen und machen es uns gemütlich.


,,Vielen lieben Dank liebe Sabi, dass du dir die Zeit genommen hast dich mit mir zu treffen um offen darüber zu reden. Ich weiss das sehr zu schätzen."


"Sehr gerne, Danke dir für das Zuhören. Mir liegt dieses Thema sehr am Herzen, es soll offen darüber gesprochen werden, um das Tabuthema zu brechen."


Meine Geschichte soll Betroffenen Mut machen.

Ihnen zeigen, dass sie es schaffen können und nicht alleine damit sind.

Es soll ihnen Mut schenken, dass man trotz schwerer Kindheit ein glückliches Leben führen kann.

Meine Geschichte sehe ich heute als Chance in meinem Beruf als Fachfrau/Betreuung, denn ich weiss wie wichtig es ist, dass ein Kind wirklich Kind sein kann. Ich möchte den Kindern das geben was mir damals gefehlt hat und darf dabei selber immer wieder ein Kind sein."



So beginnt Sabi über sich und ihr Erlebtes zu erzählen:


Es ist die eine Droge die mich seit meiner Geburt begleitet. Eine Droge, die in der Schweiz bereits ab dem 16. Lebensjahr fast in jeder Ecke frei erhältlich ist; Ethanol - im Volksmund unter dem Namen Alkohol bekannt. In unserer Gesellschaft wird Alkohol nicht als Droge angesehen, er gehört dazu.

Es ist selbstverständlich, dass flaschenweise Bier und Wein an Festlichkeiten getrunken wird. Was viele dabei vergessen, ist das durch den Alkohol viele Familien zerstört werden.

Es kann sogar soweit kommen, dass man einen geliebten Menschen dabei verliert.








,,Durch meine Geschichte bin ich der Mensch geworden den ich heute bin. Dafür bin ich unendlich dankbar,,








Wie sollte ich als Kind erkennen, dass es nicht normal war, wenn der Vater täglich flaschenweise Bier zu sich nahm? Ich kannte ihn nicht anders. Somit war es für mich normal und ich dachte mir nichts Böses dabei.


Sein Erscheinungsbild entsprach nie dem, was man von einem Trinker erwartete. Er war nicht dicklich oder aufgedunsen, auch hatte er nie die bekannte Säufernase. Er war ein gut aussehender Mann.

Zudem hatte ich eine sehr enge Beziehung zu ihm. Er war mein grosser Held , von ihm fühlte ich mich immer verstanden. Er gab mir die Liebe die ich als Tochter brauchte und er glaubte stets an mich.


Als ich die nötige Distanz von meinem Vater und meiner Geschichte bekam, wurde mir bewusst was ich als Kind erleben musste. Unter anderem wurde ich früh Erwachsen und übernahm viel Verantwortung. Die Unbeschwertheit und den nötigen Schutz, welches ein Kind benötigt fehlte mir damals.



Heute empfinde ich es nicht als normal, dass mein Vater mich als Kind los schickte um Bier einzukaufen oder das Leergut in die Läden zurückzubringen.

Ich weiss noch genau als das Jugendschutzgesetz zur Abgabe von Alkohol an Jugendliche geändert wurde.

Ich feierte diesen Tag, war erleichtert und überglücklich. Ich musste mich nie mehr kaputt schleppen oder mich für das Besorgen der Droge schämen.

Dabei ging es mir nicht nur um mich.

Es war das Wissen, dass anderen Kindern aus suchtgeprägten Familien das Besorgen der Droge

fortan erspart bleiben würde. Das gab mir damals viel Halt.

Anderseits tat ich dies gerne für meinen Vater. Sind wir mal ehrlich, jedes Kind möchte seinen Eltern eine Freude bereiten.



Die Ausflugsziele an den Wochenenden mit meinem Vater waren nicht kindgerecht. Doch war es für mich damals normal den ganzen Samstag in Restaurants zu verbringen.

Es war mein zweites Zuhause.

Ich kannte sie alle, die Pächter, die Stammkunden und natürlich alle Säuferkollegen meines Vaters.

Obwohl es oft langweilig war, genoss ich die Zeit mit meinem Vater.

Ich sah es als meine Aufgabe ihn zu schützen. Ihn zu schützen, dass er im Vollrausch wieder sicher nach Hause kam und ihm nichts geschehen konnte.

Die Rollen waren dabei völlig vertauscht ohne das ich es bemerkte. Oft kam es vor, dass ich als

acht jähriges Mädchen mein Vater stützend nach Hause begleitete.


In der Schule konnte ich nicht darüber sprechen. Durch das bloßstellen von den Lehrern und meinen Mitschülern verschloss ich mich immer mehr.

Ich konnte nicht Vertrauen, denn ich spürte die Verurteilung gegenüber meiner Familie und mir.

So sprach ich mit niemanden darüber aus Angst vor Verurteilung und aus Angst, dass ich von zuhause weg musste.


,,Darf ich dich Fragen wie dich die Lehrer vor der ganzen Klasse bloßstellen konnten?" frage ich Sabi.


,,Ja klar, ich kann dir auch eine Situation erzählen die mich sehr geprägt hatte. ,, antwortet Sabi.

Als wir mit der Klasse mit dem Zug unterwegs waren wollten einige Schüler in das Raucherabteil. Ich hab jedoch darum gebeten nicht in dieses Abteil zu sitzen, da es so grässlich nach Rauch stank.

Der Lehrer sah mich an und sagte vor der ganzen Klasse, dass dies bei mir nicht mehr relevant wäre da ich immer so riechen würde.

"Kannst du dir vorstellen wie schwierig und heftig so eine Situation als Kind ist? Wie man sich fühlt wenn man so bloss gestellt wird vor der ganzen Klasse?" fragt mich Sabi.


Ich schaue sie an und bin entsetzt, weil ich weiss wie solche Aussagen ein Kind prägen können. Du verlierst den Respekt vor den Erwachsenen und du kannst ihnen nicht mehr Vertrauen. Du entwickelst sogar eine Wut ihnen gegenüber. Es bestätigt dir, dass es besser ist einem Erwachsenen nicht zu vertrauen. Lieber sich selber vertrauen und mit niemanden darüber sprechen.

Es wird sowieso verurteilt und was sind die Folgen?

Das Kind verschliesst sich. Es fasst kein Vertrauen mehr und es wird immer schwieriger für das Umfeld das Kind zu erreichen.

Den Rest kannst du dir selber denken Lieber Leser.


Das Erlebte ging an mir nicht spurlos vorbei, denn als sich meine Mutter von ihrem saufenden Ehemann lösen konnte veränderte sich mein Leben. Der Bezug zu meinen Eltern änderte sich schlagartig. Ich war damals 13 Jahre alt und wünschte mir so sehr bei meinem geliebten Vater leben zu können, doch das war nicht möglich. Im Innern schien alles dunkel und leer zu sein. Nach Aussen setzte ich mir die Maske auf um fröhlich zu wirken. Ganz im heimlichen suchte ich mir meine eigene Sucht, das Ritzen. Es wurde mein Begleiter und Tröster.

Auch Alkohol trank ich in diesen jungen Lebensjahren nahezu wie Wasser, einfach um mich und mein Befinden zu betäuben. Vielleicht auch um mich dabei meinem Vater Nahe oder Verbunden zu fühlen. Ich hatte meine erste Alkoholvergiftung, es war Glück im Unglück. Ab diesem Moment realisierte ich, dass ich nicht den gleichen Weg gehen wollte, wie mein Vater.

Heute hab ich eine Abneigung dem Alkohol gegenüber. Ich habe kein Problem damit, wenn jemand neben mir sein Bier trinkt. Jedoch fällt es mir schwer, wenn sich jemand besäuft. Der Geruch von Alkohol, das Verhalten und die Veränderung eines Menschen, ja das kann mich heute noch aus der Fassung bringen.

Es gab eine Zeit, da arbeitete ich als Kellnerin. Nach kurzer Zeit gab ich den Beruf wieder auf. Zu vertraut war alles und ich hatte Mühe damit, dass ich die Sucht unterstützte. Ich musste das Bierglas ständig auffüllen, obwohl der Gast nicht mehr in der Lage war richtig stehen zu können. Auch ethisch konnte ich nicht mehr dahinter stehen. Ich wollte nichts mehr mit dem Thema Alkohol zu tun haben, zu sehr wühlte es mich auf.








,,Meine Geschichte soll Betroffenen Mut machen. Ihnen zeigen, dass sie es schaffen können und nicht alleine damit sind,,









Ich habe auch eine Zeit lang den Kontakt zu meinem Vater bewusst abgebrochen. Ich konnte und wollte nicht länger zusehen wie er sich selbst zerstörte. Dazu kam, dass ich selber schon ein Kind hatte und wollte meinen Sohn vor ihm schützen. Ich tat mich mit dem Kontaktabbruch schwer und zugleich tat es mir gut. Lange Zeit hatte ich mit Schuldgefühlen zu kämpfen und hatte das Gefühl eine schlechte Tochter zu sein. Mein Halt damals wie auch heute ist meine kleine Familie, mein ganzer Stolz. Sie ist das Beste was mir passieren konnte und ich bin unendlich dankbar dafür.


Kurz vor dem Tod meines Vaters sagte er mir er wolle jetzt endlich damit aufhören. Wie oft hörte ich diesen Satz: Ich werde in den Entzug gehen und endlich damit aufhören! Geschafft hatte er es jedoch nie. Doch dieses Mal hatte ich grosse Hoffnung. Er wollte aufhören, denn um seine Leber stand es nicht gut. Trotz meiner Euphorie und Hoffnung wollte ich keinen Kontakt. Wie schlecht es um ihn damals stand, war mir nicht bewusst. Ich dachte mir nichts dabei, dass mein geliebter Vater bald nicht mehr unter uns sein würde.


Und da kam es. Das Telefon wovor ich mich immer fürchtete. Am Telefon meine Mutter mit den Worten: Dein Papa liegt im Sterben. Im ersten Moment dachte ich es sei mein Opa. Danach realisierte ich, dass es sich um meinen Vater handelte. Ich war innerlich tot. Doch ich wusste, dass es für ihn eine Erlösung sein würde.

Ich wollte meinen Vater nochmals ein aller letztes Mal sehen. Da lag er, völlig abgemagert, nicht ansprechbar, ja schon fast scheintot vor uns. Ich nahm seine Hand und sagte ihm wie sehr ich ihn liebe. Es kam keine Reaktion, da wurde mir bewusst, dass er nicht mehr lange zu leben hatte.


Einen Tag nach meinem Besuch verlor ich mit 18 Jahren mein geliebter Vater, gestorben an den Folgen des Alkoholkonsums.

Mein geliebter Vater, mein Held, er wurde nur zarte 44 Jahre jung.

Für mich war dies eine schwierige Zeit. Ich war wütend auf mich, auf das Leben und meinen Vater. Warum hat er sich das angetan? Warum zerstörte er sich selber? Und warum hatte er es nie geschafft vom Alkohol wegzukommen?


Fragen die mich damals beschäftigten, doch heute trage ich keine Wut mehr in mir. Ich habe mit mir Frieden geschlossen und es versucht zu verstehen. Ich kann meinem Vater nicht böse sein, den seine Eltern waren auch Alkoholiker und er verfiel bereits mit 12 Jahren dem Alkohol.

Die Tragik, niemand hatte es gesehen oder erkannt. Es war einfach zu spät.


Heute weiss ich, dass mein Vater auch ein Löwenzahnkind ist, welches nie gehört wurde.



,,Mein Vater, mein Held. Ich werde dich immer lieben,,








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