Meine Verbindung zum Platzspitz

Aktualisiert: Nov 2


Lange habe ich mir Gedanken darüber gemacht, ob ich mein Wortspiel nach aussen tragen soll oder nicht.

Obwohl ich offen über meine Geschichte sprechen kann, braucht es für mich immer wieder Mut. Nicht weil ich Angst davor habe oder es mich belastet, sondern der Gedanke das meine Eltern durch ihr damaliges Verhalten verurteilt werden.


Als der Film «Platzspitzbaby» in die Kinos kam, war ich sehr kritisch. Ich hatte bedenken, dass suchterkrankte Menschen noch mehr verurteilt werden oder es aussenstehende Personen nicht verstehen könnten.

Trotzdem wollte ich den Film ,, Platzspitzbaby ,, im Kino sehen.

Kritisch fokussierte ich mich auf die kleinsten Details wie zum Beispiel: Auf den schmutzige Fussboden oder der Zustand der Küche.

Mich schockierte der Film nicht, empfand ihn nicht als schlimm oder traurig. Denn alles fühlte sich für mich normal und vertraut an.

Natürlich kamen auch bei mir die Tränen, doch emotional fühlte ich nichts.

Rückblickend weiss ich, es war reiner Selbstschutz.

Heute sehe ich den Film mit anderen Augen und er gehört zu einer meiner Lieblingsfilme. Hochachtung vor der Umsetzung und vor allem vor den Schauspielern, welche sich tief mit dieser Thematik beschäftigt haben. An dieser Stelle möchte ich ein ganz grosses Lob und meine Dankbarkeit aussprechen. Danke, dass ihr euch dieser Thematik gewidmet habt.

Als ich mir den Film mit Freunden bei mir Zuhause zum vierten mal anschaute war alles anders. Ich sah den Film mit anderen Augen.

Auf plötzlich kamen Emotionen und alte Erinnerungen wieder hoch. Erinnerungen die ich komplett vergessen oder verdrängt hatte. Mein Herz begann zu rasen, ich wollte weinen, doch ich konnte nicht. Ich wollte stark bleiben. Wollte meine verletzliche Seite vor meinen Freunden nicht offenbaren.

Als der Film zu Ende war, musste ich einen Moment alleine an die frische Luft. Einmal kurz durchatmen und weinen. Genau das brauchte ich in diesem Moment, Zeit für mich. Ich sage nur: ,,Gedankenkarussell ahoi,,



Wenn Chaos in meinem Kopf herrscht, vergleiche ich dies mit einer Tischbombe. Die Tischbombe platzt und alle Gedanken fliegen wild umher. Dabei versuche ich Gedanken für Gedanken einzusammeln und zu ordnen.

In solchen Momenten brauche ich viel Zeit für mich alleine. Das alleine sein schenkt mir Ruhe, Kraft und Klarheit. Am besten gelingt es mir, wenn ich in der Natur bin, kreativ sein kann, Yoga praktiziere oder vor mich hin Träume und dabei Musik höre.

Ich musste oft alleine meine Probleme bewältigen und fühlte mich dabei einsam. So lernte ich schon als kleines Mädchen einen Weg zu finden nicht in den Abgrund zu stürzen, sondern einen Weg zu finden der mir gut tut.

Das alleine sein empfinde ich nicht als etwas Schlimmes oder Trauriges. Im Gegenteil, ich sehe es als eine Stärke.

In der heutigen Zeit mit all der Hektik und dem Konsum würde es vielen Menschen gut tun um einen Momenten alleine zu sein. Sich selber zu Fragen, was tut mir gut und was nicht? Was brauche ich JETZT? Was würde mir JETZT gut tun?

Genau das habe ich durch meine Geschichte gelernt und dafür bin ich unendlich dankbar.

Liegt nicht genau darin die Kunst im Leben? Das Positive im Negativen zu erkenne? Die Stärken aus der Situation zu ziehen, um nicht in der Vergangenheit stehen zu bleiben?

Die Vergangenheit darf hervorkommen und das ist auch in Ordnung. Jedoch sollte sie nicht der Mittelpunkt im Leben sein.







Nachdem ich «Platzspitzbaby» das letzte Mal gesehen habe und das Gedankenchaos los ging, fragte ich mich selber: Wie kriege ich wieder Ordnung in meinem Kopf?

Da so viele Erinnerungen hochkamen, versuchte ich es auf ein Thema einzugrenzen.

So setzte ich mich hin und nahm bewusst als Titel «Meine Verbindung zum Platzspitz». Ich schrieb alles auf, was mich mit dem Platzspitz verbindet. So entstand dieses kreative Wortspiel. Jedes einzelne Wort erzählt eine Geschichte oder eine Situation. Jedoch werde ich nur vereinzelte Geschichten erzählen.







Schwarzer Löffel

Für mich war es als Kind nicht selbstverständlich einen sauberen Löffel aus der Besteckschublade zu nehmen, wenn ich etwas essen wollte.

Oft musste ich in der ganzen Wohnung danach suchen und mit etwas Glück konnte ich einen sauberen Löffel finden.

Die meisten Löffel waren schwarz. Diese kamen für mich nicht in Frage, denn solche wurden zum Auflösen des Heroins benutzt. Schwarz wurde der Löffel durch die Flamme der Kerze oder dem Feuerzeug.



Wo isch de Gürtel? Wo isch de Löffel?

Als Kind waren diese Fragen etwas Normales und die Bedeutung war mir klar. Wenn Freunde von meinen Eltern bei uns auf Besuch waren und sie gemeinsam konsumierten, hörten wir oft durch die Wohnung rufen: « Hey wo isch de Gürtel? Hät öper de Löffel gseh?»

Der Gürtel wurde zum Abbinden des Armes benutzt, der Löffel wie schon erwähnt zum Auflösen des Heroins. Die Erwachsenen dachten, ich würde nicht verstehen was dies heisst. Doch wenn ich die Fragen durch die Wohnung rufen hörte, wusste ich genau was sie taten.


Er Atmet noch, Wasser mit Aromat

Als meine kleine Schwester und ich ins Kinderheim kamen, durften wir einmal im Monat an einem Wochenende zu meinem Vater und einmal zu meiner Mutter.

An diesem Wochenende ging es meinem Vater emotional sehr schlecht. So vieles hatte er in kurzer Zeit verloren. Zuerst uns Kinder, dann seinen Job und kurz darauf ging seine Ehe in die Brüche.

An diesem Wochenende konsumierte unser Vater so viel, dass er für mehrere Stunden nicht mehr ansprechbar war.


,,Papi, Papi mir händ Hunger,, , doch mein Vater reagierte nicht.

Meine kleine Schwester und ich begannen ihn zu schütteln und schlugen auf ihn ein. Doch auch das weckte ihn nicht auf. Mit der Zeit bekamen wir grosse Angst. Wir fragten uns, ob er vielleicht nicht mehr am Leben sei.


Ganz genau beobachteten wir seinen Bauch und dessen Bewegung. Meine kleine Schwester ging nah an seine Nase, um den Atem zu spüren.

Entwarnung, er atmete noch, er lebte noch.

Doch unser Hunger war noch da.

Ich versuchte als pflichtbewusstes sieben jähriges Mädchen meiner jüngeren Schwester etwas zu kochen. Ich achtete wie eine Mutter auf meine vierjährige Schwester.

Da ich noch zu klein war, um an die Küchenschränke zu gelangen, schnappte ich mir das Aromat (Streugewürz) und eine Schüssel gefüllt mit Wasser. Jede Menge Aromat mischte ich ins Wasser und zauberte eine selbstgemachte ,,Aromatsuppe,, . So nannten wir sie damals.


Eingesperrt im Wohnzimmer, Notfall WC à Balkon

Meine Eltern wollten nach Zürich, um Drogen zu beschaffen. Doch dieses Mal mussten wir alleine Zuhause bleiben. Mit etwas Essen und Getränk sperrten sie uns im Wohnzimmer ein. Erst haben wir nicht realisiert, dass die Tür im Wohnzimmer verschlossen war. Zu sehr waren wir mit dem Fernseher beschäftigt. Wir bemerkten es erst, als wir kein Getränk mehr hatten und in die Küche wollten um etwas Wasser zu holen.Zu unserem Glück bestand die Wohnzimmertüre aus verschiedenen Glasplatten. Da eine eine Glasscheibe fehlte konnte meine Schwester durch diese Lücke hindurch klettern und etwas zum trinken holen.

Das Problem war damit allerdings nicht gelöst, den ich musste dringend auf die Toilette. Doch ich war zu gross, um durch die Glaslücke zu kriechen. Der Balkon war meine einzige Option. Erniedrigend schaute ich, dass mich niemand aus der Nachbarschaft sehen würde und erledigte mein grosses Geschäft draussen auf dem Balkon.

Cindys Burger, Mami da lit eini am Bode mit de Sprütze im Arm, Enten Füttern, Parkhaus

Als wir nach Zürich fuhren, warteten wir bei schönem Wetter mit meiner Mutter vor dem Platzspitz, damit unser Vater die Drogen besorgen konnte. Oft verbrachten wir die Zeit damit die Enten mit Brot zu füttern oder im Auto in einem Parkhaus.

Das Warten im Auto war für uns schlimm, uns war langweilig und die Zeit wollte nicht vergehen.

Das Auto durften wir nur verlassen um zu pinkeln und mussten immer aufmerksam sein damit uns die Polizei nicht sehen konnte.In den 90er Jahren war die Polizei rundum den Platzspitz sehr präsent, sowie auch in den Parkhäusern.

Wenn meine Mutter die Polizei sah, hiess es immer: ,, Schnell, versteckt euch und seid ganz still damit uns die Polizei nicht sehen kann.,,

Nachdem mein Vater vom Platzspitz zurück kam, ging es weiter ins Cindys Burger an der Langstrasse. Es war bereits schon dunkel und für uns eigentlich Zeit zum Schlafen gehen. Doch die Freude über die Pommes verdrängte schnell unsere Müdigkeit.

Nachdem Essen musste ich dringend auf die Toilette. So lief ich Richtung Toilette und öffnete die Türe ohne dabei an etwas böses zu denken. Der Anblick hinter der Toilette war nicht besonders schön, jedoch normal in dieser Zeit.

Ich sah, eine junge heroinsüchtige Frau, welche total zugedröhnt und nicht ansprechbar am Boden lag.

Überall war Blut zusehen, der Gürtel noch am Arm und die Spritze steckte noch in ihrer Haut. Schnell schloss ich die Tür und rannte zu meiner Mutter mit den Worten: ,, Mami, Mami da liet eini am Bode mit de Sprütze im Arm und überall häts Bluet.,,

Ab diesem Moment kam wieder der Beschützerinstinkt meiner Mutter hervor. Ich durfte nie mehr alleine auf die Toilette, wenn wir in Zürich unterwegs waren.


Tue de ärmel abe susch gsehts Polizei, Konsumieren auf der Bahntoilette

Wenn wir an den Wochenenden mein Vater besuchten, fuhren wir immer über Zürich. Auf dem Oft holte er sich auf dem Platzspitz Heroin und konsumierte es auf der Bahntoilette.

Wenn mein Vater in die Toilettenkabine verschwand, wusste ich, dass was er tat nicht in Ordnung war.

Was mein Vater genau tat , verstand ich damals als kleines Mädchen nicht. Jedoch sah ich immer eine Verbindung zwischen Zürich und dem Verhalten meiner Eltern.

Während mein Vater auf der Toilette war, bekam ich immer Angst. Denn in den 90er Jahren war die Polizei am Bahnhof und in der Bahn sehr präsent.

Als mein Vater aus der Toilette kam, war er ein anderer Mensch. Er konnte nicht richtig stehen, seine Augen konnte er kaum öffnen, sprach undeutlich vor sich hin und schwitze. Der eine Ärmel war hochgekrempelt und dazu konnte man den Einstich der Nadel am Arm sehen. Das Blut lief runter. Er selber bemerkte es nicht.

Als ich die Polizei von weitem sah, sagte ich zu meinem Vater: ,,Papi tue de Ärmel abe, susch gsehts Polizei.,,

Alkoholtupfer

Etliche Alkoholtupfer lagen ungeöffnet bei uns in der Wohnung herum. Benutzt wurden sie von meinen Eltern eher selten. Die Alkoholtupfer waren immer in der Packung von sterilen Spritzen dabei. Ich sammelte diese um meine Ohrringe oder andere Dinge zu desinfizieren. Noch heute erinnert mich der Geruch von Alkohol an diese Zeit.







,,Nur im Alleinsein können wir uns selber finden.

Allein sein ist nicht Einsamkeit, sie ist das grösste Abenteuer.,,


( Hermann Hesse)





,,Wir leben nicht, um zu glauben, sondern um zu lernen. Es gibt nur zwei Tage im Jahr, an denen man nichts tun kann. Der eine ist Gestern, der andere Morgen. Dies bedeutet, dass heute der richtige Tag zum Lieben, Glauben und in erster Linie zum Leben ist.,,


(Dalai Lama)





Ganz viel Liebi schick ich euch,

Jasmin













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